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AKTUELL Gesundheitsmarkt 11/2019

Kategorie: Aktuelle Ausgabe

Gesundheitsmarkt bald fit und smart?

Die digitale Transformation tangiert alle Bereiche von Gesellschaft und Wirtschaft. Märkte verändern sich, Unternehmen stellen ihre Organisation auf den Prüfstand. Im Gesundheitswesen ist es nicht anders. Dort bietet der Wandel zweifelsohne hohe Potenziale, doch er stellt auch genauso hohe Anforderungen an alle Protagonisten eines schwer geprüften Sektors.

Sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich hat der digitale Wandel die Gewohnheiten der Menschen auf den Kopf gestellt. Das Leben ohne Smartphone, Tablet oder Computer ist für die meisten heute kaum vorstellbar.

So auch im Gesundheitssektor. „In Deutschland existierten neben übergreifenden Gerätekategorien wie Smartphones im Jahr 2016 knapp 11 Millionen digitale Endgeräte speziell im und für den Gesundheitsbereich“, schreiben die Verfasser des von Deloitte im Auftrag des GKV-Spitzenverbands durchgeführten und im Februar 2019 erschienenen Reports „Digitalisierung des Gesundheitsmarkts“. „Ein maßgeblicher Treiber für deren Attraktivität und Funktionsumfänge sind Sensoren für Vitalparameter. Waren diese vor einigen Jahrzehnten nur in Großgeräten verfügbar, so können sie mittlerweile in Form von sogenannten Wearables unmittelbar getragen werden.“ Zukünftig könne sich dieser Trend durch implantierbare (Mikro-)Sensoren fortsetzen.

DEUTLICHE VORTEILE

Aus diesen Entwicklungen, genauer gesagt aus der Nutzbarkeit der von diesen Geräten gesammelten Daten, ergeben sich für das Gesundheitswesen deutliche Vorteile wie eine Verbesserung der Versorgungsqualität und Effizienzgewinne im Bereich von Prävention, Diagnostik und Therapie sowie aufgrund analytischer Unterstützung bei klinischen Entscheidungen. Neben einer Steigerung der Effektivität geht es nicht zuletzt auch darum, Kosten nachhaltig zu senken – ein überaus wichtiger Aspekt, bedenke man, dass Gesundheit immer teurer wird. Seit Jahren schon nehmen die Kosten in diesem Bereich ständig zu. Dafür gibt es mehrere Gründe. So leben die Menschen immer länger, die Anzahl chronischer Krankheiten steigt. Hinzu kommt, dass Behandlungsmethoden kostspieliger werden. Laut dem Statistischen Bundesamt überschritten die Gesundheitsausgaben in Deutschland im Jahr 2017 zum ersten Mal die Marke von einer Milliarde Euro pro Tag.

HOHES POTENZIAL

Glaubt man der von der Unternehmensberatung McKinsey in Kooperation mit dem Bundesverband Managed Care (BMC) durchgeführten und im Oktober 2018 veröffentlichten Studie „Digitalisierung im Gesundheitswesen: die Chancen für Deutschland“, könnte die Digitalisierung in diesem Sektor Einsparungen von bis zu 34 Milliarden Euro jährlich ermöglichen. Das entspreche rund zwölf Prozent des tatsächlichen Gesamtaufwands von hochgerechnet etwa 290 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Das größte Nutzenpotenzial bieten dabei die elektronische Patientenakte sowie elektronische Rezepte und webbasierte Interaktionen zwischen Arzt und Patient.

 

6 Effizienzgewinn 

POSITIVE NEBENWIRKUNGEN? Neben Effizienzgewinnen im Bereich der Patientenversorgung ermöglichen digitale Anwendungen auch nachhaltige Kostensenkungen.

 

„Das Potenzial von 34 Milliarden Euro setzt sich einerseits aus Effizienzsteigerungen, andererseits aus Reduzierung unnötiger Nachfrage zusammen“, erörtert McKinsey-Partner Stefan Biesdorf die Studienergebnisse. Etwa das Vermeiden von Doppeluntersuchungen oder von unnötigen Krankenhauseinweisungen sowie eine bessere Qualität der Folgebehandlungen seien geeignete Ansätze, um eine geringere Nachfrage zu bewirken.

Doch die wesentlichste Einsparung verspreche die Umstellung auf eine einheitliche elektronische Gesundheitsakte (EHR, Electronic Health Record), die allein
6,4 Milliarden Euro brächte. Diese Lösung sei in der Lage, etwa den Verwaltungsaufwand und die Anzahl von Tests zu reduzieren, was zügigere und reibungslosere Prozesse mit sich brächte.

Von der Digitalisierung im Gesundheitswesen profitieren laut der Untersuchung vorrangig die Leistungserbringer, das heißt Ärzte und Krankenhäuser – sie können sich ganzer 70 Prozent des erreichbaren Nutzens erfreuen. Und immerhin 30 Prozent kommen den Krankenversicherungen zugute. Somit sei das ewige Klagelied vieler Leistungserbringer, die Digitalisierung würde ihnen außer Arbeit nichts bringen, absolut fehl am Platz.

Dies sind allemal interessante Erkenntnisse. Doch was ist mit dem Patienten und welche Nutzen soll er aus einem digitalisierten Gesundheitssystem ziehen? Es sind einige: Beispielsweise Teleberatungen könnten das Problem des akuten Ärztemangels insbesondere in ländlichen Regionen zum Teil lösen, was natürlich den Patienten weiterhelfen würde. Auch könnte die mobile Anbindung von Pflegepersonal die Versorgung verbessern. „Mit einer digitalen Lösung hätten die Pflegekräfte ortsunabhängig vollen Zugriff auf Patienteninformationen und könnten Befunde unterwegs über Tablets dokumentieren“, schildern die Studienverfasser. „Somit wäre eine effiziente, kontinuierliche Versorgung und Überwachung der Patienten in der ambulanten Pflege gewährleistet.

 

5 Digitale Technologien 

DIGITALE TECHNOLOGIEN: Laut Experten können sie das Pflegepersonal zwar nicht ersetzen, aber doch sinnvoll unterstützen, um die Qualität in der Pflege langfristig zu verbessern.

 

Insgesamt sind Patienten für die Nutzung digitaler Anwendungen eher aufgeschlossen. „Ob Fitness-Tracker, Online-Sprechstunde oder elektronische Patientenakte: Die Bundesbürger stehen der Digitalisierung des Gesundheitswesens positiv gegenüber“, ergab eine vom Digitalverband Bitkom in Zusammenarbeit mit der Bayerischen TelemedAllianz (BTA) durchgeführte Umfrage. „So nutzen heute bereits 45 Prozent all jener, die ein Smartphone besitzen, Gesundheits-Apps. Solche Apps zeichnen etwa Körper- und Fitnessdaten auf, um die eigene Gesundheit zu verbessern. Weitere 45 Prozent können sich vorstellen, solche Apps künftig zu nutzen.“

Was die Digitalisierung der Pflege angeht, betrachten sie laut Bitkom sieben von zehn Deutschen (71 Prozent) aufgrund des Fachkräftemangels als große Chance. Dass der Pflegekollaps nur vermieden werden kann, wenn die Pflege digitaler wird, behaupten 23 Prozent, und 33 Prozent sind der Meinung, dass die Digitalisierung der Pflege zumindest dabei hilft, den Pflegenotstand in Deutschland zu lindern. Schließlich sind 54 Prozent dafür, dass es zu einem verstärkten Einsatz von digitalen Anwendungen in der Pflege in Deutschland kommt. „Die Digitalisierung kann in der ambulanten sowie stationären Pflege wertvolle Dienste leisten und in einer immer älter werdenden Gesellschaft zugleich auch der Schlüssel für ein langes Leben in den eigenen vier Wänden sein“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Digitale Technologien können und sollen das Pflegepersonal nicht ersetzen, aber doch sinnvoll unterstützen, um die Qualität in der Pflege langfristig zu verbessern.“

ERNSTE BEDENKEN

Doch neben den Chancen, die sich durch die Digitalisierung ergeben, sehen die Menschen hierzulande auch einige Probleme, allen voran die Themen Datenschutz und Datensicherheit. Die Ungewissheit bezüglich des Umgangs mit persönlichen Daten sorgt bei vielen für ernste Bedenken. „Die Mehrheit der Bundesbürger – 74 Prozent – möchte selbst darüber bestimmen, welche Ärzte Zugriff auf die digitalen Daten in ihrer E-Akte haben“, berichten die Bitkom-Spezialisten. Jedoch geben auch 60 Prozent an, dass sie damit einverstanden wären, dass behandelnde Ärzte die Daten einsehen und an einen anderen behandelnden Arzt weitergeben.“ Rund 32 Prozent würden diese Entscheidung auch an Familienangehörige übertragen, 24 Prozent seien damit einverstanden, dass die Krankenkasse die Gesundheitsdaten kontrolliert.

Somit ist klar, dass Patienten die Digitalisierung des Gesundheitsmarkts durchaus als Chance sehen: So lautet auch ein Fazit der Deloitte-Studie. Gleichzeitig seien weiterhin Hindernisse für die Nutzung digitaler Technologien im Gesundheitsmarkt vorhanden. Diese nähmen allerdings tendenziell ab und lägen vor allem begründet in der mangelnden Digitalkompetenz und in Datenschutz- sowie Qualitätszweifeln.

Es bleibt nur eins: schnelles Handeln. „Alle Akteure der Branche stehen in der Verantwortung, über Angebote und Potenziale konsequent zu informieren und aufzuklären“, empfiehlt der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) im Leitfaden „Digitale Gesundheit“. Im Sinne der Transparenz müsse klar kommuniziert werden, wie und wofür die Daten verwendet werden. Dabei könnte die Etablierung von anerkannten Gütesiegeln oder Zertifikaten zusätzlich Vertrauen schaffen. Um die Bekanntheit der Angebote zu erhöhen, seien Ärzte und Krankenkassen gefragt, diese in ihr Beratungsportfolio zu integrieren. Dabei dürften sie allerdings eins nicht vergessen: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens müsse stets vom Patienten aus gedacht werden – sie sei schließlich kein Selbstwert.

Graziella Mimic

 

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Bilder: shutterstock

 
 
 
 

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